Plan B in der
Brusttasche
1. Herausforderung Ad-hoc-Rede
Vorbei ist es mit der Ruhe in
der morgendlichen Konferenz, erklingt plötzlich die Aufforderung vom Vorgesetzten
in den noch etwas verschlafenen Ohren: „Müller, präsentieren
Sie uns doch mal kurz das neue Projekt." Das hat nicht selten einen mittelgroßen
Schweißausbruch zur Folge. Hatte Mark Twain nicht gesagt, für eine
gute, spontane Rede brauche er drei Tage Vorbereitungszeit, einen langen und
langweiligen Vortrag könne er ad hoc halten? Wenn es spontan sein muss,
hilft nur noch die Fünf-Schritte-Technik, sagt Ratgeberautor Ralf Höller:
Erstens leitet der Vortragende mit einem Satz in das Thema ein, zweitens führt
er die Pro-Argumente oder die eine Seite des Sachverhaltes an, drittens die
Einwände beziehungsweise einen weiteren Aspekt. Viertens betrachtet er
beide Punkte zusammen und wägt sie gegeneinander ab, fünftens präsentiert
er dann das Ergebnis.
2. Je Satz eine Stunde
Vorbereitung
Wer in der angenehmeren Position
ist, sich auf einen Vortrag vorbereiten zu können, sollte genug Zeit dafür
einplanen. Mit folgender Faustregel ist der Vortragende auf der sicheren Seite:
Von der Stoffsammlung bis zum Auftritt müsse man pro Minute Redezeit eine
Stunde Vorbereitungszeit einrechnen, sagt Höller.
3. Das Publikum kennen
Den Zeitplan souverän in
der Tasche, ist es für den Redner äußerst wichtig, sein Publikum
zu kennen. Es hilft nichts, ein guter Experte zu sein, wenn ein Drittel der
Zuhörerschaft nichts vom Thema versteht. Deswegen ist eine Analyse für
die Vorbereitung wichtig: Haben die Zuhörer bezüglich des Themas den
gleichen Wissensstand, was muss man erklären, was nicht? Außerdem
sollte der Vortragende bei der Präsentation den sozialen Status für
den Sprachstil der Rede beachten. Der Kurzvortrag unter Kollegen, mit denen
man per Du ist, sollte weniger formell ausfallen, als wenn es gilt, den Chef
zu beeindrucken.
4. Die Körpersprache
muss stimmen
In jedem Fall wenig empfehlenswert
ist es, die Schultern hochzuziehen und sich hinter dem Laptop am Konferenztisch
zu verstecken wie ein Karnickel im Bau vor dem Fuchs. Nicht umsonst sind die
Wörter Präsentation und Präsenz verwandt. Sichtbarkeit ist verlangt
und beginnt schon in dem Augenblick, wenn der Bewerber zur Tür reinkommt
oder der Vortragende sich vom Platz erhebt. „Wenn man dann erst sein Hemd
in die Hose stopft, ist das peinlich", sagt Thomas Skipwith, Geschäftsführer
des Rhetorikunternehmens Descubris in Zürich. Für die Kleidung gelte
die Regel, je besser man rede, desto schlechter könne man auch angezogen
sein. Und umgekehrt. Ist ein Weg bis zum Pult zurückzulegen, sollte der
Schritt energiegeladen sein. „Das Publikum muss gleich sehen können,
dass es sich hier um jemanden handelt, der etwas mitzuteilen hat."
5. Die angemessene Länge
finden
Das Mitteilungsbedürfnis
darf nicht überhandnehmen. „Man kann über alles reden, nur nicht
über eine halbe Stunde", lautet eine Management-Regel. Eine Richtlinie,
die auch Autor Höller unterstützt. „Sonst kommt man schnell
in den Verdacht zu schwafeln", sagt er. Ist er bei der Vorbereitung der
Länge unsicher, kann er sich laut Höller an eine uralte Redner-Regel
halten: „Kürzen darf man immer."
6. Die Situation einschätzen
Wichtig ist auch, die jeweilige
Situation in Betracht zu ziehen. Kommen die Mitarbeiter beispielsweise zum Unternehmensfest
um 18 Uhr direkt aus dem Büro, sollte der Redner darauf achten, dass die
Zuhörer erst einmal einen Happen essen, bevor er eine Stunde über
die Unternehmensentwicklung redet.
7. Vorsicht mit Spontaneität
Die oft gelobte Spontaneität
ist in einer Präsentation fehl am Platz. „Ein Vortrag ist eine Reproduktion",
betont Ingo Vogel, Experte für emotionale Verkaufsrhetorik aus Esslingen.
Auf plötzliche Einfälle könne man nur bauen, wenn der rote Faden
sitze. Anfang und Schluss sollten feststehen. Empfängt man die Zuhörer
mit einem langgezogenen „Ahhh", ist der erste Trumpf schon verspielt.
Um das zu umgehen, empfiehlt Höller folgenden Trick: den Anfang und den
Schluss auf eine Visitenkarte schreiben. Das hat den Vorteil, dass der Redner
sich damit zur Erinnerung bestücken kann, den Anfang beispielsweise in
der linken und das Ende in der rechten Hosentasche. Und reißt dem Vortragenden
einmal der Faden, kann er eine dritte Karte aus der Brusttasche ziehen.
8. Ablesen verboten
Ansonsten jedoch ist Ablesen verboten. „Es gibt kaum etwas Schlimmeres", findet Rhetorik-Experte Skipwith. Ausnahmen gebe es nur selten. Gerade auf einem kleineren Unternehmensfest sollten Notizen mit zwei bis drei Punkten ausreichen, meint der Schweizer. Liest man ab, redet man zudem oft zu schnell. „Das ist wie in der Musik: Gekonnt Pausen zu setzen hilft dem Redner, die Aufmerksamkeit seines Publikums zu erhalten und zu lenken", sagt Höller. Länger als zwei, höchstens drei Sekunden sollte die Stille allerdings nicht dauern. Folien sollte es nicht zu viele geben. Eine Titel-, Schluss- und eine Gliederungsfolie reichten aus, meint Höller. Für jede weitere Folie plane der Vortragende am besten jeweils drei bis fünf Minuten ein.
9. Die Darstellung zählt
Einer der größten Fehler, den man bei einer Präsentation
machen könne, sei nicht die fehlende Redetechnik, sagt Verkaufsrhetorik-Spezialist
Vogel. - Viel wichtiger sei, dass die Person im Rampenlicht der Aufmerksamkeit
Echtheit vermittele. „Die größte Aufgabe ist es, die Zuhörer
in eine gute Stimmung zu bringen. Dann werden die Inhalte auch gekauft",
betont er. Im Zweifelsfall sollte der Redner sich deshalb auf die Darstellung
anstatt auf den Inhalt konzentrieren. Der Vortragende sollte sich beim Publikum
Feed-back holen. Blickkontakt spiele dabei eine wichtige Rolle. Sind die Zuhörer
nicht mehr bei der Sache, wirke es oft Wunder, für einen Moment mit dem
Sprechen aufzuhören.
10. Training, Training, Training
Gegen Nervosität hilft nur eins: Üben. Es gibt nicht den geborenen Redner, sagt Skipwith. Einen guten Redner machten etwa 3 Prozent Talent und 97 Prozent Arbeit aus. „Das ist wie beim Tennis oder Fußball", sagt er. „Der, der regelmäßig spielt, kann auch gewinnen."
Quelle: FAZ, 16.2.2008